Familienpolitik – aktuelle Analyse ist keine Sensation

Im Jahr 2007 wurde eine interessante repräsentative Vergleichsstudie zwischen Deutschland und Frankreich vorgelegt, die sehr viel von der aktuellen Kritik an der Familienpolitik bereits enthielt.

Einige wenige Daten: Nur 11% der Deutschen zwischen 16 und 34 Jahren gaben an, dass für sie eine Familie mit mehr als 3 Kindern denkbar sei. 34% der gleichaltrigen Franzosen konnten sich das dagegen sehr gut vorstellen. Kinderlose Deutsche sind zu 81% der Meinung, dass bei einem Kind mit finanziellen Einbußen zu rechnen ist. Kinderlose Franzosen sehen das sehr viel gelassener. Vor allem aber unterscheiden sich beide Länder in einem: 41% der deutschen kinderlosen Frauen sagen, dass ein Kind sich mit ihren beruflichen Plänen nicht vertrage. Bei den Französinnen sind es nur 27%. Kinderlosigkeit ist in Deutschland darüber hinaus auch durch die vermeintliche Unvereinbarkeit von Familie mit privaten Hobbys, Freizeitbedarf oder drohendem Verlust von Unabhängigkeit verkoppelt. All diese Punkte spielen im Nachbarland eine deutlich kleinere Rolle.

Krass wird es bei der Frage nach der Einschätzung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Nur 22% in Deutschland sagen, dass das gut zusammenpasse. 62% der Franzosen sind dagegen der Auffassung, dass Kinder und Beruf gut zusammen gehen. Dazwischen liegen Welten.

Schon damals 2007 ließ sich aus der umfangreichen Studie ableiten, was politisch nötig ist. Es geht nicht zentral um die Ausweitung der unmittelbaren Geldleistungen, sondern um ein weitaus höheres Maß an verlässlichen Betreuungsstrukturen von U 3 bis zur Ganztagsschule, also um Einrichtungen, die es in Frankreich von alters her gibt. Diese hohe Verlässlichkeit der Betreuung lässt unsere Nachbarn weitaus gelassener mit Kindern und dem Kinderwunsch umgehen. 66% der französischen Eltern sind vollzeitberufstätig, nur 49% sind das in Deutschland. Klar ist, in welche Richtung die Politik denken muss: verlässliche Betreuung von U 3 bis zum flächendeckenden Ganztag, bedarfs- und damit einkommensabhängiges Kindergeld, weg mit dem unsinnigen Ehegattensplitting, dass keine Kinder fördert und vor allem weg mit dem Betreuungsgeld, weil es wie eine Herdprämie wirkt und überdies bildungspolitisch eine Katastrophe ist. Die dadurch frei werdenden Mittel sollten in den Ausbau der Betreuungs- und Bildungsinfrastruktur gesteckt werden. In Zukunft müssen Mittel nach dem Prinzip fließen, dass Ungleiches auch ungleich behandelt werden muss. Sprich, das Geld muss ersten in Strukturen fließen und darf zweitens nicht mit der Gießkanne übers Land gleichverteilt werden. Um es konkret zu machen: Eppinghofen und Styrum brauchen mehr Mittel als Selbeck und Saarn. Eben das hatte aber schon der Familienbericht der Stadt Mülheim an der Ruhr – ebenfalls von 2007 – sehr klar gezeigt.