Von Absolutmaßen, Vorschubgeschwindigkeiten und dem sozialen Auftrag

Ich bin Gast der Siemens Ausbildungswerkstatt. Es ist 07:00 Uhr und es ist schon Leben in der Bude. Ferdinand Faulbaum, obig erwähnter Chef, und Pietro Bazzoli erklären mir das Siemens Ausbildungskonzept. Wenn der Chef spricht, merkt man ihm an, dass er gleichsam mit jeder Faser an seinem Ziel arbeitet: Jeden, den man aufnahm, auch zum Ziel zu bringen. „Jede“, also weibliche Azubi, sind selten. Da geht es Walbaum wie seinem (Noch-)Nachbarn Professor Menzel in der HRW direkt gegenüber. Nur im Ausbildungsgang Industriedesign sind wenige Mädchen zu finden.

Doch ich soll ja nicht nur sehen und zuhören, sondern auch was Sinnvolles produzieren. Also ab ans „Zeichenbrett“, das deshalb in Anführungszeichen steht, weil es heute schon längst eingemottet ist. CAD ist heute State of the Art, Computer-aided Design in Langfassung. Ich bin recht flott, weil das Programm strukturell wie DTP-Programme aufgebaut ist, die ich halbwegs beherrsche. Mein „Ausbilder“ ist zufrieden. Allerdings werden wir feststellen, dass meine Zeichnung eine „Macke“ hat. Oder war´s kein Versehen, sondern pädagogische Absicht?

Ab in die nächste Abteilung. Hier wird die Zeichnung in Befehlcodes für die CNC-Maschine übersetzt. Computerized Numerical Control (CNC) war früher mal eine Drehbank, heute ist das ein für Techniklaien wie mich ein sagenhafter roboterartiger Apparat, der mit höchster Präzision Metallteile bearbeiten kann. Doch das kann er nur, wenn man ihm sagt, was er wie und vor allem wo tun soll. Man muss einen Nullpunkt definieren, sich entscheiden, ob alle Punkte von diesem Nullpunkt angefahren werden oder ob es nicht opportun ist, in den g91-Modus zu gehen, also zur schrittweisen Bemaßung. Letzteres ist bei meinem Werkstück einerlei, doch machte man Tausende davon, wäre es durchaus sinnvoll, weil Zeitgewinn. Zeit ist Geld, lernt man hier ganz konkret. Bei den Lohnstückkosten spielt die Zeit eine wichtige Rolle, g 90 oder g 91 entscheiden über Zeit, damit über Kosten und damit über den Gewinn der Firma, was schlussendlich auch wichtig ist für den Erhalt der Arbeitsplätze.

Und die „Macke“? Richtig, wäre fast vergessen worden. Die Vermaßung gab nicht an, wo beim Querstrich vom A die Fräse ansetzen soll. Es ging nämlich um eine kleine Platte mit meinen Initialen. Wie könnte man das denn lösen? Muss man das wissen, wenn man in den Deutschen Bundestag will. Dunkel erinnere ich mich, dass man das über eine Winkelfunktion lösen könnte. Razz-fazz wird das für mich berechnet, codiert und alles ist in Butter. Die Maschine, dieses Wunderwerk, brauchte knapp 9 Sekunden um meine Programmierung umzusetzen.