Frustrationstoleranz überdurchschnittlich

„Potenzialanalyse“ heißt das Spiel. Genauer betrachtet ist es keines und für die Jugendlichen, die von der Boje in Essen betreut werden, ist es ein Test, wo ihre Stärken liegen. Meist sind die verschüttet, verborgen unter angehäufter Frustration, dem ständigen Misslingen. Die zur Boje kommen haben Probleme, man kann´s so einfach sagen, Probleme, von der Schule in die Lehre zu kommen, Probleme überhaupt einen Schulabschluss zu machen. Das Modell U 25 aus Mülheim würde hier nicht mehr helfen.

Also erleben wir, Generalvikar und noch ein paar andere, die wir der Einladung zum Josefstag gefolgt sind, heute die Analyse unserer Potenziale. Es geht in der ersten Übung darum, räumliches Vorstellungsvermögen zu testen, wichtig, will man später z.B. Schreiner werden. Sechs unterschiedlich gekerbte Holzstäbe werden uns auf einem Pappteller präsentiert. Wir haben 15 Minuten, sie zu einem knotenartigen Werk zusammenzusetzen. Der Vikar und ich verzweifeln gemeinsam an der Aufgabe. ich schaffe es in letzter Sekunde. Übung 2: Ein 30 cm langer Blumendraht soll mit Hilfe von Werkzeugen zu einem zusammenhängenden ABC gebogen werden. Mein B ist nur erkenntlich, weil man es halt in der Folge ABC aus dem Kopf gnädig ergänzt. Die beiden Mädchen in der Floristinnenausbildung gegenüber schaffen wahre Kunstwerke dagegen.

Und dann die Murmeln. Aufgabe: 20 Murmel müssen in einen Gipstopf, Entfernung 2 Meter, werfen gilt nicht. Das Material: Jede Menge Zeitungen, Schnur unbegrenzt und 1 Meter Klebeband + 1 Nagel, doch der ist nur zur Verwirrung da. Wir basteln ein Röhre, umwickeln sie mit Band, hängen sie an Fäden auf – und: Es gelingt. Auf den Knien bugsieren Vikar und ich die Röhre über den Topf, die Murmeln rollen und das Werk ist vollbracht.

Die jugendlichen Teilnehmer/-innen der Boje waren mit im Team. Ohne sie hätten wir die Aufgabe wahrscheinlich nicht geschafft. Und hätten wir mehr auf einen der stillen Jungs gehört, wäre alles noch viel besser geworden. Am Ende bekomme ich meine Auswertung. Ist gar nicht mal schlecht. Vor allem wird mir „deutlich überdurchschnittliche Frustrationstoleranz“ attestiert. Ist ja für´s Raumschiff Berlin nicht ganz unwichtig.

Was habe ich gelernt: Vikare sind auch Menschen, auch wenn sie gar Generäle sind. Und Einrichtungen wie die Boje machen, oft unerkannt, die Arbeit, die unsere Gesellschaft zusammenhält.