Fürst Potjomkin, Angie und der verflixte Genius Loci

„With no loving in our souls an noch money in our coats“ heißt es in den Stones-Lyrics. „All the dreams we held so close seemed to all go up in smoke. Let me whisper in your ear: Angie, Angie, where will it lead us from here? Das war seinerzeit ziemlich daneben, stachelte Kabarettisten zur Höchstform an und machte die Rolling Stones sauer.

Heute ist man textsicherer geworden. Merkel spricht nicht nur mit Putin in dessen Muttersprache – die hat sie ja im Blauhemd der FDJ verinnerlicht – nein, sie parliert auch mit Obama ganz ohne dolmetschende Hilfe. Die Angie-Panne wiederholt sich nicht.

Gestern haben CDU/CSU ihr Wahlprogramm in einer Werkstatt für Kulissen präsentiert. Der Zeremonienmeister soll sein Handwerk in der SPD-Kampa gelernt haben, schreiben die Zeitungen. Da hat er wohl nicht richtig aufgepasst. Zumindest verpasste er die Genius-Loci-Regel, sprich: Auch der Ort des Geschehens spricht, er steht symbolisch. Welchen Assoziations-Blaster setzt eine Kulissenwerkstatt im Kontext mit einem Wahlprogramm in Gang? Richtig: Potjomkin. Genauer: Fürst Grigori Alexandrowitsch Potjomkin, Soldat und Galan der russischen Zarin Katharina II. Die Legende berichtet, dass er, um der Zarin zu imponieren, Fassaden-Dörfer errichten ließ. Daher potjomkinsche Fassaden. Alles Pappmaché und nix Reales dahinter, bloß nicht zu nah rangehen, man könnte gewahr werden, dass dahinter nur Leere ist.

So auch beim Programm von CDU/CSU. Man verliere sich im Gewirr der Buchstaben, schrieb die FAZ, als Kampfblatt der Sozialdemokratie noch nie in Erscheinung getreten. Bei der Wahl des Ortes zur Präsentation ihrer Spiegelstrichsammlung lag die Union so schief wie damals die Parteitagsregie in der Grugahalle. Doch der Vorzug der Offenheit ist gegeben. Es geht beim Programm bloß um Kulissen. Pappe, Sperrholz, bunte Farben, nichts weiter.