Die ungeliebte Stadttochter

28 Mio. „Miese“ macht die Mülheimer Verkehrsgesellschaft. Das ist salopp gesprochen happig. Eines sollte man bedenken: Ohne Zuschuss geht es nicht. Kostendeckende Fahrpreise würden die Nachfrage (noch) weiter sinken lassen. 27 Millionen Fahrgäste werden im Jahr mit Bussen, Bahnen in Mülheim von A nach B befördert. Die BVG, also die Berliner Schwester der MVG, transportiert 937 Millionen Menschen pro Jahr. Das ist auch ganz natürlich, denn Berlin ist mit 3,7 Mio. Einwohnern 22 Mal größer als das beschauliche Mülheim. Auch in Berlin dürfen die Ticketpreise nicht durch die Decke schießen. Das Prokopfeinkommen der Berliner ist deutlich kleiner als das der Mülheimer. Im Ergebnis macht der Berliner ÖPNV pro Jahr rund 57 Mio. Miese, die Mülheimer MVG, wie schon gesagt, 28. Wie kann das sein? Ganz einfach: Die Berliner fahren mit Bussen, U- und S-Bahnen sowie mit der Tram. Letztere ist auf den Osten der Stadt beschränkt. Sie fahren so massenhaft, dass die Einnahmen aus dem Ticketverkauf die operativen Kosten nahezu decken. Frage ist, wie das gehen kann. Auch diese Antwort ist leicht zu geben: Die BVG fährt. Morgens im 5-, tagsüber im 10- und nachts im 15-Minuten-Takt. Kein Berliner wohnt weiter als 5 Gehminuten von einer Haltestelle entfernt. Es ist die Regel realisiert 5-10-35, was heißt, dann keiner länger als 5 Minuten zur Haltestelle laufen muss, in den Kernzeiten nie länger als 10 Minuten zu warten hat und innerhalb des Stadtgebietes jeden Ort in knapp 35 Minuten erreichen kann.

Welche Lehren kann man daraus ziehen? Nicht das Abspecken des Netzes, nicht die Ausdünnung der Takte, nicht die Verminderung von Qualität also rettet einen Verkehrsbetrieb, sondern – für manchen Betriebswissenschaftler eventuell ein Paradoxon – die Ausweitung des Netzes, die Verdichtung der Takte und damit die Verbesserung der Qualität. Die scheinbar naheliegende Lösung – Mach´s kleiner, dann wird´s billiger! – ist eben nicht der Weisheit letzter Schluss, sondern eher der Start in einen später dann unaufhaltsam werdenden Downgrading-Prozess. Der sollte jetzt gestoppt werden. Der Mülheimer Nahverkehrsplan allerdings markiert nicht dieses notwendige Stoppschild. Öffentlicher Verkehr ist aktive Daseinsvorsorge und notwendiger Klimaschutz in einem. Die Mobilität von Morgen muss eine ÖPNV-basierte sein. An diesem Morgen wird in Mülheim, was den öffentlichen Verkehr angeht, bisher nicht gebaut. Kleiner Tipp zum Schluss: Eventuell sollt man versuchsweise die Regel, dass weniger auch mehr sein kann, auf die Gebühren für Außengastronomie ebenfalls anwenden.