Mobilität der Zukunft

Mobilität der Zukunft, 16.09.2020 auf Youtube

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Vizepräsident Thomas Oppermann:

Vielen Dank. – Nächster Sprecher ist für die Fraktion der SPD der Kollege Arno Klare.

(Beifall bei der SPD)

Arno Klare (SPD):
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
1986 hat mich ein Bericht sehr beeindruckt; das war der Brundtland-Bericht. Ich will den jetzt nicht erklären; wenn Sie nicht wissen, was das ist, bitte googeln. Im Brundtland-Bericht ist eine Definition von Nachhaltigkeit enthalten, die da lautet – ich zitiere –: Nachhaltig ist eine Entwicklung, „die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können“.

(Beifall bei der SPD – Daniela Wagner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Hört! Hört!)

Diese Definition hat übrigens dank Volker Hauff Eingang in den Brundtland-Bericht gefunden. Für die etwas Jüngeren unter uns: Das war ein Sozialdemokrat, der in zwei Ressorts Minister war; er war Verkehrsminister und davor für Wissenschaft zuständig.

(René Röspel [SPD]: Forschungsminister!)

– Für Forschung und Wissenschaft, ganz genau.

(René Röspel [SPD]: Das war noch einer! Der war gut!)

Die Frage, die wir Verkehrsleute uns zu stellen haben, lautet: Kriegen wir das für den Verkehr hin, für die Mobilität? Ein Pkw fährt im Jahr durchschnittlich 13 500 Kilometer. Angenommen, er verbraucht 6 Liter auf 100 Kilometer, dann emittiert er 2 Tonnen CO2 im Jahr. 34 Prozent dieser Verkehrsleistung sind Freizeitverkehr, laut MiD, Mobilität in Deutschland. Darf man das noch? Ein anderes Beispiel: In Deutschland werden 10,5 Millionen Tonnen Kerosin vertankt. Das war im Jahr 2019. In diesem Jahr wird – aus meiner Sicht, Verkehrspolitiker – leider gar nichts mehr vertankt. 1 Liter Kerosin entsprechen 3,15 Kilogramm CO2, also eine gewaltige Menge. Die Grundfrage habe ich gerade schon gestellt, und ich möchte sie noch konkretisieren: Ist so etwas möglich – das müssen wir ja schaffen, wenn wir nachhaltig sein wollen – wie klimaneutrales Fliegen? Ja, das bekommen wir hin; das kann man schaffen. Wir müssen das bisherige
fossile Kerosin ersetzen durch synthetische Fuels. Damit reduzieren wir übrigens auch die Kondensstreifenbildung, und diese Nicht-CO2-Emissionen machen nach neuester Studie 66 Prozent des Klima-Impacts des Flugverkehrs aus, weil die Partikelwirkung kleiner wird. Wir
müssen mehr investieren in bessere Triebwerke. Auch das geschieht bereits. Das ist ein ganz großes Rad, das wir drehen: die Wasserstofftechnologie. Es gibt aber auch ganz kleine Räder. Wenn es gelänge, den cw-Wert eines Lkws, der derzeit zwischen 0,6 und 0,8 liegt – das ist ungefähr der cw-Wert einer Schrankwand –, um 30 Prozent zu senken, also von 0,7 auf 0,5, dann bedeutete das 10 Prozent weniger Treibstoff.

(Oliver Krischer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Dafür gibt es Technik!)

Bei 30,1 Milliarden Kilometer, die die Lkws pro Jahr in Deutschland fahren, und einem Verbrauch von ungefähr 30 Liter pro 100 Kilometer möge sich jeder ausrechnen, was ungefähr dabei rauskommt. Das ist ein ganz, ganz kleines Rad, das man da drehen kann. Aber wir müssen es tun. In all den Nachhaltigkeitsdebatten habe ich manchmal das Gefühl, dass wir nur immer auf die ganz großen Räder schauen, aber nicht auf die ganz kleinen, die wir auch bedienen müssen. Dazu gehört zum Beispiel THGsensitive Navigation. Dazu gehört auch, dass bei Lkws
der Reifendruck kontinuierlich automatisch nachgesteuert wird; die fahren nämlich zu 35 Prozent mit zu wenig Druck. Das heißt, wir müssen beides tun: die ganz großen Räder drehen – das tun wir, und zwar erfolgreich –, aber die kleinen nicht vernachlässigen.

(Kirsten Lühmann [SPD]: Sehr richtig!)

Das ist eine ganz wichtige Aufgabe. Da geht es sehr ins Detail, und manches ist für den einen oder anderen gar nicht mehr verständlich, weil es sehr technisch wird. Aber wir müssen uns diesen Themen widmen, und das tun wir auch.

(Beifall bei der SPD)

Die Nachhaltigkeit und damit die intergenerative Gerechtigkeit – das steckt in dieser Definition – entstehen durch das Drehen der großen und der kleinen Räder. Jetzt habe ich endlich mal einen Vorteil davon, dass ich Germanistik studiert habe. Es gibt dazu ein fantastisches
Zitat aus „Wilhelm Meister“ von Goethe. Da steht: Die Höhe reizt uns, nicht die Stufen; den Gipfel im Auge wandeln wir gern auf der Ebene.
Genau das dürfen wir nicht; wir müssen jede Stufe nehmen. Ich habe das mit den kleinen und großen Rädern beschrieben.

(Beifall bei der SPD)

Vizepräsident Dr. Hans-Peter Friedrich:

Vielen Dank, Herr Kollege Klare. – Die nächste Stufe nimmt der Kollege Oliver Luksic von der FDP-Fraktion.